WESER KURIER, 29.09.2008

29.09.2008

Belastetes Grünzeug: Rucola im Hafen Ein Naturerlebnis besonderer Art erwartete die Teilnehmer eines urbanen SpaziergangsVon Catharina Oppitz WALLE·HANDELSHÄFEN. Wer möchte, kann Rucola pflücken. Das kniehohe Gras raschelt leise im Wind, und gelbe Blumen erfreuen das Auge an diesem herbstlichen Nachmittag. Ein Naturerlebnis der besonderen Art erwartete die Teilnehmer des Urbanen Spaziergangs am Sonntag, den das Autonome Architektur Atelier (AAA) veranstaltet hatte."Risse im Beton" lautete das Motto der geführten Wanderung durch innerstädtische Naturräume. Der Name wies dabei auf die Grundthematik hin. So zeigten Daniel Schnier und Oliver Hasemann an unterschiedlichen Orten im Bremer Westen, wie sich die Natur ihren Weg auch durch versiegelte Betonflächen sucht. Gleichzeitig ging es um unerwartete Brüche. So wächst der Rucola zwar mitten im Hafen, da aber der Lkw-Parkplatz direkt nebenan liegt, handelt es sich hier bestimmt um das am meisten belastete Grünzeug der Stadt.Das Gras entlang der Waller Welle erfreut zwar das Auge und ist Heim für viele kleine und große Tiere, dafür nutzen Hundebesitzer die Strecke aber zum Gassigehen, der Spaziergang gleicht also eher einem Parcours um die Hundehäufchen herum. Und die gelben Blumen, die sich sanft in der Herbstbrise wiegen, sind "Pionierpflanzen". Die wachsen dort, wo sich sonst keine Pflanze mehr hintraut, sie sprechen also nicht für die Qualität des Bodens darunter.Neue Wege im urbanen Raum "Gerade Hundebesitzer sind kreative Landnutzer", sagt Architekt Daniel Schnier. "Sie suchen sich neue Wege im urbanen Raum, die von der Planung ursprünglich gar nicht vorgesehen waren." Und entlang der Fährte der Tierbesitzer laufen die etwa 60 Teilnehmer des urbanen Spaziergangs im Gänsemarsch über die Waller Welle. Die Narzissenrabatten in Wellenform waren übrigens in den 70er Jahren bundesweit das erste Projekt zur Kunst im öffentlichen Raum."Natur und Stadt sind eigentlich ein kompletter Widerspruch", meint Raumplaner Oliver Hasemann. Entlang stark befahrener Straßen und über Bahngleise hinweg konnten sich die Teilnehmer dann aber vom Gegenteil überzeugen. Auf einer alten Industriebrache mitten in der Überseestadt konnte man sich davon überzeugen, wie es aussieht, wenn sich die Natur ihren eigenen Weg sucht. Ursprünglich sollte hier der "SommerPark" entstehen, eine kleine blühende Oase im neu entstehenden Stadtteil. Laut Website der Landlotsen, die das Projekt konzipiert hatten, sollte die Anlage über das übliche "Gewerbeflächen-Abstandsgrün" hinausgehen. Nur wenige Monate später ist von dem Konzept nichts mehr zu sehen, da wohl gegen die Natur geplant worden war. Die falsche Aussaat am falschen Ort, eine unerwartete Trockenperiode - und schon ist nur die robuste Pioniervegetation zu sehen, die sich ihren Weg durch alle Hindernisse bahnt. Auf Stelen sollten sich Bremer Unternehmen und Vereinen darstellen können, doch leider scheitert auch dies an der Realität. "Die kann man vom Radweg ja gar nicht sehen", meint eine Teilnehmerin des Spaziergangs. Die Bilanz zum Ende des Sommers: Es wurde zwar eine Menge Geld für Samen ausgegeben, aber wer möchte, der kann hier in der Mittagspause Boule spielen.Eine Augenweide besonders für Auswärtige bot sich entlang des Waller Grüns. "Dieser Grünstreifen wurde im Rahmen der Neugestaltung des Stadtteils geschaffen", so Daniel Schnier. "Nach dem Krieg waren genau an dieser Stelle nur Trümmer, das Stadtwäldchen ist also nicht natürlich gewachsen, obwohl es so wirkt, als sei es schon immer dagewesen." Im Grünstreifen gebe es immer wieder Auseinandersetzungen über die Pflege des innerstädtischen Grüns, einer momentan heiß diskutierten Frage der Stadtplanung. "In Zeiten knapperer öffentlicher Mittel wird auch hier die Anlage eher mit der Motorsäge als mit der Rosenschere gepflegt", so Oliver Hasemann.An der Hansestraße holte die Stadt die herbstlichen Spaziergänger wieder zurück in die Realität. Dort standen sie nun wieder inmitten von Straßenschluchten und geschlossenen Fassaden. Von Natur war weit und breit nichts zu sehen, höchstens in dem Löwenzahn, die sich hier tapfer gegen den Asphalt behauptet.© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: West Seite: 3 Datum: 29.09.2008 Text: Catharina Oppitz, Foto: Catharina Oppitz